das hausboot, der mürbteig und willi, der fisch

mit dem hausboot gemütlich die obere saone entlangschippern, jeden abend in einem idyllischen landgasthaus einkehren und gemästet wie die bresse-hühner noch monatelang vom schlaraffenland frankreich schwärmen. so hatten wir uns das vorgestellt.

anfang september waren wir eine woche auf den wasserwegen der zwar grünen, aber sonst recht farblosen franche-comté unterwegs. sechs leute und eine alte labrador-hündin, alle hungrig nach entspannung – und gutem essen.

wir suchten vorab im guide rouge (michelin) nach empfehlenswerten adressen auf der route und waren uns sicher, dass uns die entscheidung jeden abend schwer fallen würde, welches der vielen lokale nahe dem wasserweg denn in frage käme. es gab genau ein restaurant auf der strecke, das überhaupt im michelin stand. die beschreibung klang nach verstaubtem silber und strengen sitten, da wollten wir nicht hin. weil das hausboot seit monaten reserviert war, wurde die sorge, womöglich mitten in frankreich zu verhungern, schnell ins unterbewusste verschoben. immerhin gibt es in frankreich ja in jedem ort einen wochenmarkt und bei geschickter planung kochen wir eben französisch an bord. so hatten wir uns das vorgestellt.

die saone fliesst nicht nur durch die franche-comté, sondern auch durch das burgund, wir dachten folgerichtig an comté und charolais-rinder, an bresse-hühner und burgunder, an dijon-senf (mehr dazu in einem der nächsten beiträge) und pochierte eier, an tartes und kutteln. so hatten wir uns das vorgestellt.

die charolais-rinder bekamen wir schon am dritten tag serviert:

hausboot_aufmacher

als die schönen viecher die alte hundedame im galopp (die rinder, nicht der hund) quer zurück zum boot jagten, bemerkten auch wir, dass wir an einer weide angelegt hatten.

weil der michelin recht hatte und es keine restaurants an der strecke gibt, die einen besuch wert sind, lebten wir von tartes und italophilen abendmenüs, käse und salami, trauben, sellerie, fenchel und thunfisch aus der dose. es gibt nämlich auch keine wochenmärkte, wenige bäcker und die lebensmittelläden haben mit viel glück überhaupt offen. beim sortiment darf man dann aber keine ansprüche mehr stellen. wie war das mit der feinschmeckernation?

in soing, am ende eines idyllischen (ja, idyllisch war es oft, für die augen) seitenarms der saone, gab es einen einladenden anlegesteg, vier grosse eignerboote und ein zweifelhaftes lokal. wir redeten es uns schön, weil es kein anderes gab. die camouflage-decke auf dem dürftigen holzgerüst (die veranda) erheiterte uns noch, die menü-auswahl klang gar nicht schlecht, aber was serviert wurde, isst man nur, wenn man für die alternative kilometerweit im dunkeln zu fuss gehen müsste. zerkochtes, graues gemüse (das gleiche zu allen hauptgerichten), salatsauce aus der sparpackung vom nächsten supermarkt und das mousse au chocolat roch und schmeckte so wie unser hund, wenn wir nach einem spaziergang bei herbstregenwetter ins warme kommen. so viel zur idyllischen landgasthausküche.

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aber es gibt ja die schleusenwärterinnen und schleusenwärter. bei denen kauft man, so der hausboot-prospekt, die regionalen spezialitäten. rosé aus der provence zum beispiel?

beim brot hatten wir, wenn es einen bäcker gab, aber tatsächlich immer glück. das beste brioche meines bisherigen lebens halte ich auf dem foto oben in meinen händen. ich bin noch immer traurig, dass es nicht in meinem tiefkühler, sondern innerhalb weniger kilometer auf der rückfahrt in unseren bäuchen gelandet ist. ich hätte es stolz wie gletscherforscher ihre bohrkerne aufbewahrt und nur ab und zu daran gerochen. wir bekamen es übrigens in port sur saone beim kirchenseitigen bäcker. er heisst judlin und ist zwar keinen umweg, aber eine pause auf dem weg wert.

die arbeit an bord macht hungrig. taue aufrollen (haben wir gemacht), knoten üben (haben wir nicht gemacht, reicht, wenn es einer kann), deck schrubben (haben wir nicht gemacht, hausbootmiete ist hoch genug), navigieren (haben wir gemacht), abwaschen (haben wir gemacht, mit abwechslungsreichem programm, siehe erstes foto), beim abendessen über das frühstück und wo wir die croissants, die eier, die butter und die wurst dafür herbekommen, diskutieren (haben wir jeden abend gemacht), beim frühstück über das mittag-, nachmittag- und abendessen diskutieren (haben wir jeden morgen gemacht), die route nach offenen lebensmittelgeschäften und bäckern planen (haben wir – nicht immer erfolgreich – gemacht), das ufer nach passenden anlegemöglichkeiten absuchen (haben wir meist dann gemacht, wenn wir hunger hatten).

mit den wasser- und logistikbedingt immer grösser werdenden dusch-abständen der crew-mitglieder nahm auch das kulinarische downsizing seinen lauf. wir konnten über ein anständiges baguette derart in verzückung geraten, als hätten wir in einem dreisterner ein völlig neues gericht gekostet. wir konnten vortrefflich über die eigenschaften von gesüsstem und ungesüsstem mürbteig (pate brisée, pate sablée) diskutieren und welches obst in welchem reifegrad denn besser für welche teigart geeignet wäre:

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und wir tranken aus verzweiflung viel kir (der aus dijon kommt und aus der weisswein-sorte aligoté und dem schwarzen johannisbeerlikör crème de cassis gemischt wird). ich machte mir im geheimen gedanken über foodtrends wie essbare wildpflanzen und molekularküche und hätte das eine wie das andere gegessen, hätte ich es nur bekommen.

aber da war noch etwas:

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ein crew-mitglied brachte uns vor der reise und in den ersten tagen an bord mit seinem ansinnen, angeln zu wollen, so zum lachen, dass wir weinen mussten. wir fanden es wahnsinnig komisch, dass sich da einer im gourmet-eldorado frankreich tatsächlich selbst ums abendessen kümmern wollte. hätten wir vorher gewusst, was uns erwarten würde, hätten wir alle angeln gelernt. jedenfalls hatte der ausgelachte erste offizier sofort erfolg. das französische frolic schmeckte den fischen (unsere hündin frisst deutsches demeter-futter, den rest vom frolic haben wir einem dankbaren schweizer bootseigner und seinem hund geschenkt), der gummi-comté noch besser, eine schleie biss an, es folgten zwei baby-welse, die sofort wieder in die saone kamen, eine zweite schleie sprang aus der reuse. wir diskutierten über schleie nummer 1 und wie sie am besten für sechs leute in ein amuse gueule (vor dem kaiserschmarrn, den wir zum glück schon vorher eingeplant hatten) verwandelt werden könnte. leider nannten wir sie dann willi und im verlauf des abends stellte sich heraus, dass 1. die abwässer der hausboote in die saone geleitet werden und wir willi deshalb gar nicht sooo dringend essen wollten, 2. ein willi sowieso zu wenig sei und wir ihn deshalb doch wieder freisetzen könnten, 3. wir willi aber auch in der reuse oder im kübel, das wollten wir noch genauer erörtern, hinterherziehen könnten, bis wir am nächsten anlegeplatz die fische nummer 2 bis 6 geangelt hätten (ja, jetzt sprachen wir schon von „wir“!). am nächsten morgen setzte der erste offizier willi feierlich in die saone zurück.

was haben wir daraus gelernt?

1. das schlaraffenland ist woanders. vielleicht in südostasien? oder doch in oberösterreich? ob es dort hausboote gibt?

2. plane alle deine wege nach den öffnungszeiten der bäcker, sonst verhungerst du.

3. mit genügend kir – lässt du viele sorgen hinter dir.

4. nimm jene menschen auf hausboot-urlaub mit, die sich mit angeln, jagen, früchten, wurzeln und kräutern auskennen. du wirst sie brauchen.

5. aber gib deinem fang bloss keine namen!

kommentare

8 kommentare zu “das hausboot, der mürbteig und willi, der fisch”

  1. tigerkater sagt:

    oh mein gott, das ist doch der anglergeheimtipp, mit frolic fischen!
    (es war aber gar nicht frolic, auf das willi anbiss, das bleibt wohl mein geheimnis…)
    herzlich, tigerkater

  2. Jutta sagt:

    Pardon, aber ich musste schrecklich lachen – herrliche Geschichte.
    Und Gratulation zur Nominierung!

  3. sisko sagt:

    ad 1.: Wo das Schlaraffenland liegt, ist auf dieser Karte ersichtlich. In Oberösterreich gibt es zumindest auf dem Klauser Stausee ein Hausboot.

  4. eduard leitner sagt:

    hallo katharina. muss schon sagen habt ausgesprochenes pech gehabt oder keine fahrräder. entlang der saone gibt es wirklich spärlich gute kulinarik, aber meist in drei bis fünf km entfernung sind kleine dörfer die durchaus französiche esskultur bieten z b Chalon-sur-Saône oder Macon.
    da gibt es wirklich perfekte wirtshäuser. die esszeiten und bäckeröffnungszeiten sind ein bisschen anders, manchmal touristenabhängig.
    grüsse eduard
    15mal frankreich und immer wieder

  5. Bolli sagt:

    Ach Gott Ihr Armen……….Ihr hättet Räder mitnehmen sollen, genau wie Eduard Leitner schon schrieb…Und, in Franrkeich’s tiefster Provinz sind die Schotten dicht von 13 bis 16 Uhr….und mittwoch….

  6. katha sagt:

    tja, tigerkater, dann bin ich ja erst recht froh, dass ich willi nicht gegessen habe, wenn ich gar nicht weiss, was willi vorher gegessen hat!

    lachen ist gesund, jutta, wir konnten das währenddessen leider nicht immer. und danke für die glückwünsche, ein beitrag zum thema genussblogs awards folgt!

    bitte um zugverbindungen ins schlaraffenland, sisko!

    lieber frankreich-erfahrener eduard, du hast ja recht. wir hatten auch fahrräder an bord, aber: wir durften nur zwei räder mitnehmen (und waren zu sechst) – ausserdem wäre das mit nonia, sie ist ja schon 13 jahre alt, sowieso nicht mehr gegangen. und weil wir an der oberen saone waren, kamen wir in der einen woche gar nicht bis chalon oder gar macon. genau in dieser gegend – zwischen dole und louhans – waren wir vor 14 jahren mit dem hausboot unterwegs. weil es uns so getaugt hat, wollten wir eben heuer wieder hin. nur hatten wir zum einen wirklich pech, zum anderen waren wir einfach zu weit nördlich.
    aber keine sorge, wir fahren schon wieder nach frankreich. dijon alleine ist eine reise wert, davon mehr in einem der nächsten beiträge.

    und bolli, ja, arm waren wir, danke! endlich jemand, der uns nicht auslacht, sondern mitleid mit uns (und willi?) hat.

  7. otto folzwinkler sagt:

    hallo kathi. wir haben uns über deinen artikel gerade sehr amüsiert, die wahrheit über eine reise zu lesen ist ja nicht selbstverständlich, meistens wird alles geschönt! erni will trotzdem mit einem hausboot fahren und sie hätte mich als allroundmann dabei. das könnte gehen.
    viele liebe grüße erni und otto
    bis zum 11. okt. in der speisekammer?

    wir warten schon auf weitere so klasse artikel!

  8. erich sagt:

    Salut,

    zuerst zu deiner Conclusio:

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    Das Schlaraffenland ist genau dort wo ihr ward. Wer allerdings nur mit Restaurantführer meint Genuss erleben zu können irrt gewaltig.
    Ich war unlängst auf der Durchreise vom Elsass (Mutzig) nach Chablis und kann berichten, daß in jedem Kaff, auch in solchen die nur aus ein paar Häusern bestehen, mindestens ein Wirt ist, dessen Küche es lohnt dort zu verweilen, und wenn ich „jedes Kaff“ sage, meine ich auch jedes Kaff, manche Wirtn stehen auch nur einsam in der Gegend herum, also brauchts nicht einmal ein Kaff dazu.

    Ad2)
    No na.
    Außerdem ist diese Problem kein solches. Viele Bäckereien habe auch Sonntags geöffnet, wo sich schmackhaftes baguette oder pain de campagne quasi rund um die Uhr kaufen läßt.
    Selten aber ist einer Dieser aber am Kanal zu finden, nojo, führt uns sofort zu Punkt3.

    Ad3)
    Völlig richtig! Selten ist eine Reiseberichterstattung so treffend zusammengefasst worden.

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    Brauchst ned, siehe Punkt 1).
    Was am Hausboot das wichtigste ist, ist das Fassungsvermögen des Kühlschrankes und sonst nix.

    Machts einen weitern Versuch, egal wo, Kanäle gibts ja genügend und geht ungeniert ins nächste Dorf, wo es sicher wohlschmeckende Eintöpfe, Würste o.ä. geben wird.

    Mahlzeit !

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