medien & kulinarisch: woche 42

eine kurier-redakteurin gehört von matthias horx mit irgendeinem trendzukunftskaffeesudlesepreis ausgezeichnet. auf den seiten 41/42 steht heute im „frühstück mit eckart witzigmann“ zu lesen:

„geleistet hat der gebürtige bad gasteiner in seiner disziplin mehr als je ein österreich vor und nach ihm.“

die redakteurin, johanna hager, ist offensichtlich mit hellseherischen fähigkeiten ausgestattet. das hätte jemand verantwortliche/r korrigieren müssen. mangelhaftes lektorat ist etwas, das mich bei der lektüre egal welchen mediums unglaublich nervt. hier geht es aber offenbar weniger um ein problem der logik, als um eines der journalistischen distanz, denn ein paar sätze weiter schreibt hager:

„seine hände sind gepflegt, nicht geschunden.“

abgesehen davon, dass ich diese feststellung fast beleidigend finde, zeugt sie von 1. unkenntnis (wohl noch nicht vielen köchinnen und köchen auf die finger geschaut), 2. klischeehaftem (un)verständnis der gastronomie und 3. einer bewunderung für den interviewpartner, die in einem qualitätsmedium nichts verloren hat.

aber ich will nicht ungerecht sein: auf die frage „tee oder kaffee?“ antwortet der „koch des jahrhunderts“:

„actimel und tee. später ein espresso und ein croissant.

dass ein koch und gastronom von diesem format so einen blödsinn wie actimel zum frühstück isst, hätte ich wirklich nicht gedacht. noch mehr hätte mich aber interessiert, wann und wo witzigmann selbst (noch) kocht, wenn ja, was, wo er einkauft, worauf er dabei achtet, wo er essen geht, wie er restaurantkritik einschätzt, wie er seine erfolge einordnen würde (im vergleich zu den französischen kollegen, die damals als unangefochtene weltspitze galten), mehr zu seiner kochbuchsammlung usw. – aber dafür müsste man vorbereitet sein.

ich muss jetzt auch öfter fernsehen. nach dem club 2 am freitag schon wieder. diese hohe frequenz ist einem neuen format namens „mein restaurant“ auf vox zu verdanken. fünf paaren in berlin, hamburg, köln, leipzig und münchen wurde eine (garantiert künstlich schlimmer hergerichtete) bruchbude von ehemaligem gastronomielokal zur verfügung gestellt, die sie innerhalb von acht wochen – mit finanzieller und fachlicher hilfe – in ein funktionierendes restaurant verwandeln müssen. inklusive businessplan, bauplan, menüplan, personalplan, zeitplan und so weiter. die populistischen (und voyeuristischen) eigenheiten des formats mag ich gar nicht: das herbeiführen psychisch extrem belastender situationen wie vorverlegter abgabe des businessplanes, erzwungenes abreisen eines der partner/innen, erzwungene entscheidungen eines partners/einer partnerin, die eigentlich aus kompetenzgründen vom anderen partner/von der anderen partnerin getroffen werden müssten und vor allem die vollmundige ankündigung, dass das restaurant jener paare, die irgendwann mal woche für woche rausgewählt werden, „für immer“ schliessen muss:

„Welches Restaurant die Pforten für immer schliessen muss, entscheiden dann die Zuschauer. Für die Verlierer bedeutet das: Innerhalb einer Viertelstunde müssen die Gäste gehen, das Personal wird entlassen und die Lichter gehen aus.“

faszinierend ist für mich aber die gastronomische und kulinarische naivität der kandidatinnen und kandidaten. die einen haben nicht mal einen esstisch zuhause (und sich für einen küchenchef entschieden, der zwiebel ins dessert gibt), die andere weiss nicht, was polenta und natives olivenöl extra sind (obwohl sie beides in ihrem restaurant verwendet), die nächsten probieren den wein nicht, den sie der jury beim ersten testessen kredenzen, die vierte ist vegetarierin, die einen nervenzusammenbruch kriegt, als sie einen abgezogenen hasen sieht, aber fleisch in ihrem restaurant anbieten will und das fünfte paar hat kein problem damit, sich gegenseitig herabzuwürdigen, um in einem vermeintlich witzigen spot personal zu rekrutieren.

in der jury sitzen tim mälzer (den ich für geschmacklich und fachlich bei weitem nicht unfehlbar, aber doch ehrlich und „ergebnisorientiert“ halte), ein angeblich recht erfolgreicher gastronom (christoph strenger), der offensichtlich gut mit zahlen und fair und achtsam mit den leuten umgehen kann und die hotelchefin eva-miriam gerstner (zuständig für „style“ und „design“), die vor lauter „sitzt die frisur, sitzt der rock, sitzen die stöckelschuhe, sitzt das make-up und sitzen alle vorurteile“ fast schon wieder lustig ist.

ich bin trotzdem neugierig, wie’s weitergeht.

kommentare

4 kommentare zu “medien & kulinarisch: woche 42”

  1. tigerkater sagt:

    …trendzukunftskaffeesudlesepreis…
    mein lieblingswort und das wort der kommenden woche, ich bin für einen duden-eintrag…

  2. entegut sagt:

    Ich gehe da ganz konform mit dir, mich interessieren weder Witzigmann’s Hände, noch sein actimel (Product Placement?). Anscheinend hat man nichts versäumt, diesen Artikel nicht gelesen zu haben.

    In „mein Restaurant“ auch einmal reingezappt. Ich fand es richtig interessant, wie Profis abgenudelte Schuppen auf Vordermann bringen. Bei der Auswahl der Lokale habe ich mir auch gedacht: Wo findet man die eigentlich? Sicherlich auch lehrreiche Hinweise für viele Gatronomen, nur die schauen, wenn diese Sendung ausgestrahlt wird, leider nicht fern, sondern stehen selbst hinter der Budl und wursteln dahin.

  3. Ich bin vergangenen Samstag in die Wiederholung von „mein Restaurant“ geraten. Mir kommen die Bewerber so vor, wie viele der Leute die in den div. Auswanderersendungen gezeigt werden – großteils sehr naiv, mit tlw erschreckend wenig (Fach)Wissen. Aber wahrscheinlich bringt nur so eine Kandidatenzusammensetzung genügend Quoten.

  4. Sebastian sagt:

    Wollte gerade exakt das Gleiche wie thequiltpenguin schreiben – so isses. Ich habe Auswandern wie Restaurantgründen miterlebt, die meisten ticken da schon anders. Da ich die Auswanderersendungen ganz schrecklich finde, schenke ich mir „mein restaurant”. Und gestehe: Seit Zero trinke ich wieder Cola, aber nur zimmerwarm bei Überstunden.

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