le russe gastronomique

frankfurter buchmesse 2011. heuer konnte ich mich nicht mehr davor drücken. 2010 ist mir das trotz ersten eigenen (koch)buches, das noch dazu einen gourmand world cookbook award gewonnen hat (das wussten wir damals noch nicht), noch gelungen. ich kann messen nicht ausstehen, bin vielfach biofach-geschädigt. nach einer großen fachmesse braucht man urlaub, am besten an einem luftkurort, an dem man mit dem wagerl herumgeschoben wird und drei-sterne-küche als wiedergutmachung für kulinarische messeverbrechen serviert bekommt.

katharina höhnk, die frau hinter valentinas-kochbuch.de, ist schuld, dass ich heuer doch endlich meinen buchmessen-einstand feierte und euch die geschichte mit dem verstörenden (ganz gewiss falschen!) titel erzählen kann. katharina kündigte mir nämlich schon im frühjahr an, mich erstens zur gourmand party mitzunehmen (invitation only) und zweitens solle es in der gourmet gallery (kochbuchdichte: hoch) eine diskussion „buch trifft blog“ mit vertreterinnen und vertretern aus food-blog- und verlagswelt geben. tatsächlich wurde ich von der messe aufs podium dieser diskussion eingeladen, gemeinsam mit katharina höhnk und astrid paul (arthurs tochter). über die diskussion haben die beiden schon hier und hier geschrieben. von mir nur so viel: wäre der humorvolle und social-media-affine moderator auf das thema vorbereitet gewesen, wäre nicht plötzlich eine nicht geladene person mitten am podium gesessen und wäre außer einem verlag, der erst seit letztem jahr kochbücher macht, zumindest ein weiterer vertreten gewesen, der sowohl ein kochbuch-schwergewicht, als auch blog-affin (gu? christian? crh?) ist, hätten alle mehr davon gehabt. trotzdem freue ich mich, dass ich dabei sein durfte, danke, maren ongsiek. ich fühlte mich ein wenig wie das österreichische enfant terrible, das irgendwelche exotischen ansichten vertritt (verlage mögen bitte die kommentarfunktion der blogs zum austausch nutzen; blogger/innen sollten gefälligst urheberrechte beachten; verlage dürfen bitte abweichend vom entweder-buch-oder-digital-mantra endlich anfangen, ordentliche kochbuch-apps umzusetzen und dabei nicht ständig wie der fuchs von den sauren trauben sprechen).

von der gourmand party hatte ich mir außer zeit mit katharina, ihrer valentinas-rezensentin annick und den le foodinks, die ebenfalls eingeladen waren, nicht viel erwartet. die villa bonn, die sich in einem kostümschinken oder einem harry-potter-film gut machen würde, war dann auch kulisse für einen haufen internationaler kochbuch-stars – bloß kannte ich keinen von ihnen. gerne hätte ich an ihrem revers oder der stola entweder ein miniaturcover ihres letzten kochbuches oder zumindest einen namen gesehen. ich internet-affines wesen ohne respekt vor „den kennt man doch“ oder „das ist doch die“ könnte mir auch vorstellen, dass einfach alle einen qr-code tragen, der mich mit hilfe des smartphones zu einer biografie führt. aber wir sind ja in der verlagswelt, und s. o., ob nicht der teufel das internet erfunden hat, ist noch längst nicht ausdiskutiert.

vorab hatte ich durch eine kleine googelung herausgefunden, dass nathan myhrvold als gast der gourmand party erwartet wurde. wir stehen in der halle zwischen all den mir unbekannten stars der kochbuchwelt, als edouard cointreau, master mind der gourmand world cookbook awards und der paris cookbook fair, zu einer kleinen eröffnungsrede ansetzt. er kündigt auch myhrvold und einen seiner köche, maxime bilet, an, die anschließend ihr schwergewicht „modernist cuisine“ (natürlich bestes kochbuch bei den gourmand awards) präsentieren würden. die präsentation läuft auf video, myhrvold kann sich also beim präsentieren selbst zuschauen. fieberhaft beginne ich nach fragen an den zugänglich wirkenden millionär zu suchen. die uhrzeit macht mir einen strich durch die rechnung. ich bin um 4 uhr aufgestanden, um den flieger um 6 uhr 20 zu erwischen. mein tageshoch hatte ich vor 6 oder 7 stunden in halle 8 (internationale verlage), als ich der dame am ducasse-stand immerhin die meines wissens nach noch nicht publizierte neuigkeit, dass „nature“ im frühjahr 2012 auf deutsch erscheinen würde, entlocken konnte. was kann ich myhrvold bloß fragen? ich hatte zig interviews mit ihm gelesen, ich war müde, ich hatte hunger. die ankündigung, dass das buffet eröffnet sei, lässt mich myhrvold vergessen und einen stehtisch suchen, an dem ich mich der nahrungsaufnahme widmen kann. sitzen sollen die internationalen kochbuchstars ohne qr-code, die sind sowieso mindestens eine generation älter als ich, die haben sich das bestimmt verdient. katharina und annick sind noch am buffet, als drei leute fragen, ob sie sich zu uns stellen dürfen. klar spricht man hier mitten in frankfurt englisch, aber als sich auch diese sprache als zu wenig international herausstellt, bin ich mit meinem latein am ende. der mann stellt sich und seine beiden begleiterinnen als russen vor. das wird ein stummes dinner werden, denke ich mir, aber ich habe mich getäuscht. herr russe hört, dass wir deutsch sprechen, und beginnt in gewählten, aber sehr langsam ausgeprochenen worten ein gespräch. wir kommen schnell zur sache: was er mit kochbüchern zu tun habe? er verlege welche.

(danke fürs fotografieren und die bilder, katharina!)

er habe die lizenz für die russische übersetzung des larousse gastronomique. mhm. dann zieht der mann einen schinken in knallig-orangem einband aus der tasche, und ich denke mir noch, der ist aber viel dünner als das original, als ich sehe, wie fantastisch bibliophil dieses buch gemacht ist. wunderschönes vorsatzpapier, extrem geschmackvolle, stimmige typografie, lesen kann ich natürlich kein wort. herr russe dreht das buch in meinen händen um. ich bin irritiert, denke mir aber, dass in russland vielleicht von hinten nach vorne gelesen wird, wie gesagt, ich bin um 4 uhr aufgestanden. auf der buchrückseite sind 14 cover abgebildet. 9 bereits gefüllt, die restlichen 5 grau. das 9. ist das orange, das ich in der hand halte. der larousse gastronomique auf russisch ist in 14 bänden angelegt. herr russe erklärt, als ich mit offenem mund in dem sauteuer gemachten buch blättere, dass sie erstens fotos dazugestellt hätten, und zwar eine ganze menge, und dass sie zweitens zusätzlich zu den ins russische übersetzten originaltexten erklärungen verfasst hätten, die die originaltexte erst verständlich machen würden. weil: in russland habe man keine ahnung von gastronomie und französischen grundlagen, das gehöre anständig erklärt. ein lexikon im lexikon quasi. als ich weiterblättere, sehe ich ein ganzseitiges bild von einem, den ich kenne. ein österreicher. ich blättere weiter, als mir plötzlich einfällt, wer es ist. fx pichler. der neben alois kracher wohl berühmteste österreichische winzer. ich frage herrn russen, ob das fx pichler sei (dumme frage, aber 4 uhr früh aufgestanden und so weiter). in dem moment bricht der damm. herr russe erzählt, wie gut österreichische weine zu russischer küche passen würden. wir kommen von den obauers zum steirereck und von berlin schnell wieder weg, wir tauschen adressen für prag und budapest und visitenkarten aus. ich erfahre, dass es in moskau kein einziges modernes russisches lokal gibt, aber dass herr russe eh auch restaurantkritiker sei und einen restaurantführer für moskau herausgebe. hätte ich mir doch gleich denken können. er habe ein exemplar der aktuellen ausgabe im auto. das könne er mir gerne überlassen. nicht, dass ich ein wort russisch spreche, aber natürlich will ich dieses buch haben. (lieber noch den IX. band des larousse, aber weil um 4 uhr aufgestanden und so weiter denke ich in dem moment gar nicht daran, herrn russen danach zu fragen.) während er ins auto geht (so heißt das in österreich), um den moskau-guide zu holen, denke ich nochmal kurz an myhrvold und glaube, ihn in jedem graubärtigen mann mit brille in der villa bonn zu erkennen (ich erkenne auch leute auf der straße nicht, die ein paar tage zuvor bei uns zum essen waren). gut, dass mir keine fragen einfallen wollen. ich hüte den larousse band IX. inzwischen wie meine müden augäpfel, um ihn grafikdesignerin mia zu zeigen (ihr wisst, die frau le foodink, die das neue gewand von esskultur gestaltet hat). nochmal stolpere ich über fx, als herr russe mit dem moskau-guide in der hand zu unserem stehtisch, dem einzig wichtigen im gourmand-universum, zurückkommt. jetzt erst (ich bin um 4 uhr aufgestanden!) frage ich ihn: „der fx, der ist aber nicht im original larousse drin, wie kommt der überhaupt in die russische ausgabe?“ der herr russe ringt kurz um fassung, spricht dann langsam und bedächtig: „weil er mein lieblingswinzer ist.“ dann drückt er mir den moskau-guide in die hand. das einzige, was ich lesen kann, ist: 2005. ich schaue ihn fragend an und sage (ich bin um 4 uhr aufgestanden!): „das ist aber nicht der aktuelle guide, oder?“ herr russe: „doch, natürlich. für eine neue ausgabe habe ich noch keine zeit gehabt. seit 2005 arbeite ich doch am larousse.“

kommentare

11 kommentare zu “le russe gastronomique”

  1. Ellja sagt:

    herrliche geschichte, katha. ich les was über die buchmesse und mir schlafen nicht die füße ein! Und ich hab mir dich die ganze Zeit bildlich vorgestellt… zum ohpeckn! …während er ins auto geht… dass man das nur bei uns so sagt, war mir bisher gar nicht so bewusst. Aber ich finds schön, dass wir so eine verspielte sprache haben. Ein Larousse auf österreichisch wär doch was… ;-)

  2. teeodora sagt:

    köstlich
    aufregend
    interessant
    atemberaubend

    und das mit den biofach-messen, kannst du mir das bitte nachsehen?

  3. katha sagt:

    drum hab‘ ich auch einen monat gebraucht, bis ich drüber schreiben konnte, ellja. weil wen interessiert schon, wen ich wann in welcher halle bei welchem aufgeklappten buch getroffen habe? obwohl von anfang an klar war, dass das meine buchmessen-geschichte sein würde. larousse brauch’ma keinen, aber etwas ähnliches wäre keine blöde idee.

    danke, teeodora! und: aber wo, das übertreiben gehört ein bisserl zum handwerk. ich war ja immer freiwillig mit! bloß habe ich in frankfurt wieder gemerkt, dass ich messeuntauglich bin. der einzige grund, weshalb ich sie doch wieder besuchen würde (die eine oder die andere) sind begegnungen wie die oben beschriebene. und das essigbrätlein, das uns ja mehrmals entgangen ist.

  4. Eline sagt:

    Lustig und sehr tapfer. Bin ja auch messeunlustig, ich hab zu viele organisiert, das reicht fürs Leben. Ich krieg schon beim Lesen deiner Geschichte müde Beine und Kopfweh von der Messeluft, die immer sauerstoffarm ist.
    Den Herrn Myhrvold hätte ich gefragt, warum er das Buch mindestens 3 Jahre zu spät veröffentlicht hat.

  5. sisko sagt:

    Beim Red’n (und offensichtlich beim Ess’n) kommen d‘ Leit zam.

    Dem Web- und Sängermeister wünsche ich gute Nerven für die Darstellung von http://www.esskultur.at im kyrillischen Alphabet . . . ;-)

  6. katha sagt:

    was weißt du, was ich nicht weiß, eline (viel, aber ich meine das jetzt auf die 3 jahre bezogen)?

    wobei das essen weit weniger berichtenswert war, sisko. dabei: als der koch, der das dessertbuffet betreute, hörte, dass ich österreicherin bin, musste ich un-be-dingt von seinem apfelstrudel kosten. er duldete keine widerrede. zum glück bin ich ihm danach nicht mehr begegnet, weil der strudel war ja als apfel-teig-dessert okay, aber als apfelstrudel hätte er keine einreisegenehmigung bekommen.

  7. Eline sagt:

    Soweit ich in dem Buch quer gelesen und geschaut habe, konzentriert es sich auf technologisches Kochen, auf Molekulares, auf vieles, das meiner Ansicht nach vor so drei Jahren wesentlich mehr Neugier geweckt hätte.
    So, jetzt gehe ich die Vorspeise des heutigen Abendmenüs fuer Wiener Freunde vorbereiten ….

  8. duni sagt:

    ich mag die russische kueche, vorallem die, die man in privathaeusern bekommt. koestlich finde ich die pilzgerichte( viele russen sind auch so schwammerlsuchverrueckt wie ich), den sauerrahm, diverse damit angemachte salate( zb mit mohrrueben und nuessen), das brot, lokale spezialitaeten wie wareniki( ist jetzt aber eher ukrainisch…) etc. mir gefaellt der service ala russe( alle gerichte gleichzeitig auf den tisch, so dass alle hauptgerichte nur lauwarm sind) aber ueberhaupt nicht und mit der exzessiven sauferei an einladungen hab ich auch so meine probleme.

  9. Katharina sagt:

    Hach, ein lustiger Abend. Ein guter Tag. Ich muss wieder an hohe Schuhe und meine Füße denken, die Dankbarkeit endlich Essen zu dürfen und dann lag da plötzlich dieses Buch … :-)

  10. katha sagt:

    so zeitlos wie der russische larousse ist modernist cuisine möglicherweise wirklich nicht, eline. aber im ernst: das, was ich beim blättern so gesehen habe, ermöglicht halt auch einsichten in kochvorgänge, die’s vorher so noch nicht gegeben hat. seine technikverliebtheit ist offensichtlich, das stimmt schon.

    das würde ich auch gerne behaupten können, duni, dass ich die küche in russischen privathaushalten kenne. mit lauwarmen gerichten habe ich keine probleme, solange es keine suppen und keine nudeln sind. bei gemüsegerichten kann das sogar recht reizvoll sein, kenne das nur aus der georgischen küche. kommt man dem vodka denn wirklich nicht aus?

    aber ein fades aug‘ hamma schon gehabt, katharina! wer weiß, was nach mitternacht noch alles in der villa bonn passiert ist…

  11. Katharina sagt:

    Das nächste Mal halten wir durch – komme, was wolle.

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