bauchspeck mit butter

kulinarische traditionen unterteilt die esskultur in drei kategorien: mir wurscht (viele), rebellion (weihnachten), strikt einzuhalten (mamas gefüllte eier, meine pinzen und osterkrainer zu ostern; himbeer-trüffel-torte vom ratzka zu meinem geburtstag) und kramperl. über kramperl wird weder diskutiert noch nachgedacht, weil zum kramperl braucht man einen briochekramperl, sonst geht die welt unter (siehe kulinarische notizen 2007, 2008 – fragt mich bitte nicht, was ich am 5. dezember 2009 und 2010 gemacht habe, es sind schmerzhafte schwarze löcher in meiner erinnerung). auf den kramperltag bin ich wie immer erst am tag zuvor gekommen, also gestern. nächtliches e-mail samt sms (zur sicherheit) an den lieblingsbäcker und seine frau: “macht’s ihr heuer auch in der spiegelgasse briochekramperl?” warten. film schaun. rezepte für briochekramperl diskutieren, aber nur halbherzig. kramperl gehören nicht selbst gemacht. warten. dabei war die antwort schon längst da: “ja, machen wir!” ich konnte kaum einschlafen gestern abend. musste dem web- und sängermeister mehrfach versichern, dass ich gedenke, heute früh, am kramperltag, als allererstes in die spiegelgasse zu fahren. weil undenkbar, wenn die kramperl aus wären, bevor wir…

heute in der früh am vormittag dann das:

massenversammlungen sinistrer gesellen, ich komme aus dem fürchten und staunen und frohlocken nicht heraus. mit geflochtenen bäuchen und verdrehten gliedmaßen, schrecklich! irgendwie erinnern sie an den bib gourmand, das michelinmännchen, und das gefällt mir, weil das freyenstein doch auch einen bib gourmand hat… als wir mehrere der feisten gestalten (darunter ein einäugiger und ein cowboy) bestellen und dazusagen, dass wir einen hier und auf der stelle als frühstück verspeisen wollen, will uns die verkäuferin zu einem briocheknopf raten. das sei doch derselbe teig. ich muss mich sehr zusammennehmen, um höflich zu bleiben und nicht eine blockveranstaltung zum thema kramperl, tradition und esskultur zu halten. dann kommt der lieblingsbäcker aus der backstube. und fragt, ob wir solche kramperl schon einmal gesehen hätten. wir schütteln die köpfe, weil mumbbvoll. ich mit einem bein, der web- und sängermeister mit einem hörndl samt halbem schädel und auge (es gibt genaue regeln, wie man einen kramperl zu essen hat, s. u.). der lieblingsbäcker grinst über beide ohren (und ist das da oben am kopf vielleicht ein kleines hörndl?…) und sagt: “als du mir gestern das sms geschickt hast, hab’ ich mir gedacht, dass ich b’sondere machen muss.”

bitte: die kramperl beim gragger in der spiegelgasse, 100 % bio, 100 % handarbeit, 100 % holzofen, 100 % geschmack, 100 % bauchspecktextur, schauen deshalb so wunderschön verschwurbelt aus, weil den lieblingsbäcker zwengs meiner nachfrage der ehrgeiz gepackt hat! solche kramperl gibt es nicht nur nirgendwo sonst in wien, sondern auch sonst nirgendwo. und weil ihr alle glück habt, die ihr in wien wohnt: ausnahmsweise auch morgen, am nikolotag, ab 8 uhr. kauft alle zsam und esst ihren dicken bauchspeck mit butter und mamalad oder einfach nackert. aber esst sie und esst sie ganz im sinne von slow food: essen, was man retten will. damit es noch bis in alle ewigkeit am kramperltag briochekramperl gibt.

anleitung zum essen eines briochekramperls
1. ehrfurchtsvoll bestaunen. von allen seiten. nicht in den schritt schauen, das gehört sich nicht! vorsichtig angreifen, man weiß nie, wie er reagiert!
2. haxn ausreißen und vom oberschenkel weg essen. stöhnen ist okay, das machen die in der hölle ja auch.
3. arme ausreißen und vom oberarm – wisst ihr ja jetzt schon.
4. kopf amputieren. falls der kramperl einen ausgeprägten goder hat, wird die entscheidung über die richtige amputationsstelle schwierig. die strenge lehre sagt: goder gehört zum rumpf, also nicht mit dem kopf amputieren. die triebgesteuerten amputieren mit goder, weil der endlich, endlich die größte wonne verspricht.
5. rumpf befühlen. riechen. bauchspeck befühlen. augen zumachen. wieder aufmachen. in den bauchspeck hineinbeißen. selig sein. (das kann der kramperl eh nimmer hören.)

ps: wie das folgende bild beweist, wurde hier jedenfalls definitiv falsch gegessen, aber das ist eine andere geschichte, die sich in fußnähe vom lieblingsbäcker abspielt (und zwar nur bis 23. dezember). ich erzähl’ euch in den nächsten tagen mehr dazu:

kommentare

29 kommentare zu “bauchspeck mit butter”

  1. die schauen super aus, ich bin ja die selbstgemachten Lebkuchenkrampusse bzw. Lebkuchennikoläuse mit Schnürleis verziert gewohnt.

    gegen welchen weihnachtlichen Kulinarischen Traditionen rebellierst du? Kekse, Lebkuchen, Kletzenbrot, Bratwürsteln mit Sauerkraut, Karpfen, Fisch in jeglicher Form?

  2. Mal wieder herrlich, unnachahmlich geschrieben! Grandios Deine Anleiung zum Essen eines Kramperls. Köstlich der Vergleich mit dem Bib Gourmand!
    Heute bedauere ich mal wieder, dass ich nicht in Wien lebe. Dann muss ich halt den Sohn morgen unbedingt in die Spiegelgasse schicken, damit er diese Köstlichkeit wenigstens probieren kann.

  3. lamiacucina sagt:

    Die wunderschönen Kramperl in einer Plastiktüte ? Geht das denn ??

  4. sisko sagt:

    Wenn man der Monty-Python-Anleitung zum Zerlegen eines Ritters folgt, müsste mit den Armen, gefolgt von den Beinen, begonnen werden (Die Ritter der Kokosnuss: König Artus von Camelot gegen den schwarzen Ritter – Anleitung als Video: http://youtu.be/Tca-AkF2_6w).

  5. entegut sagt:

    sehr schöne kramperln! briocheteig eh klar.
    ich rebelliere gegen die weihnachtliche punschüttentradition!

  6. Hedonistin sagt:

    Wie schon nebenan auf G+ gemeint:
    Mit den Haxen anfangen, geht gar nicht! Das ist nicht waidgerecht, weil der Kramperl muss eine Chance zur Flucht haben. :-)

    Erst die Hörndln, dann die Arme, dann die Haxen, dann Kopf, dann Bauch: so futtert frau sich mit zunehmendem Genuss von den (vergleichsweise) trockenen dünnen Extremitäten – die in Relation zur Oberfläche wenig Krume haben – zum wonniglich flaumigen dicken Bauch durch. :-)

  7. so eine schöne geschichte, da interessieren mich die ganzen faden kramperl in den hiesigen bäckereien gleich gar nicht mehr.
    ich mag den gragger einerseits sehr gern, weil das brot so gut schmeckt, andererseits bin ich ihm aber doch ein bisschen böse: bei meiner recherche vor ungefähr zwei jahren hab ich rausgefunden, dass er das brot in einer mühle in ansfelden, also ganz in meiner nähe bäckt.ha, dachte ich, endlich mal ein spitzenprodukt ganz in meiner nähe und leicht zu bekommen: mitkoch und ich sausen begeistert hin und müssen dann erfahren, dass man uns nix verkauft, und zwar gar nix: wir sollen doch nach linz zum geschäft fahren.

  8. duni sagt:

    denen wuerd ich auch gern die haxen ausreissen!

  9. Susanne sagt:

    oh ich hätte jetzt gerne eine haxen zum frühstück!!

  10. gotti sagt:

    na hoffentlich gibt es beim linzer heute auch noch welche…

  11. Su sagt:

    Hmm, lecker und so schön wild! Was kannst Du von Deinem Lieblingsbäcker empfehlen, das sich ein paar Tage hält? Ich würde so gern mal kosten. Die Schwägerin lebst in Wien und kommt zum Heiligabend her. Da schick ich sie vorher in die Spiegelgasse.

  12. queenofsoup sagt:

    oh so einen gelben könnt ich jetzt auch gut vertragen. hinreißend sinnliche beschreibung, frau esskultur, hab sehr gut gelacht! aber die kleinen krampuskinder dürfen das nicht hören, die werden sonst rot.

  13. Ellja sagt:

    die schönsten kramperl, wo gibt. Obwohl ich sie als solche nie identifiziert hätte, die schauen viel zu lustig aus, erinnern mich mehr an einen Harlekin vielleicht? Aber was ist denn das am letzten Foto für ein Ziegel neben der Flasche? Das kann doch wohl keine Butter sein?

  14. Hiwwelhubber sagt:

    … die sehen wunderbar aus. Gibt es bei uns leider auch nicht… Selber Backen wäre mir mit der Flechterei auch zu kompliziert.

    SEHR interessieren würden mich hingegen die gefüllten Eier. Hab ich mindestens 20 Jahre nicht mehr gegessen. Könnte man ggf. das Rezept tradieren, bevor auch dieser Brauch verlogen geht?

    Bittet und fragt der HH.

  15. teeodora sagt:

    i dapacks net: sitz da und hör die kramperl rundumadum rasseln, aber hab keinen, dem ich den kopf ausreissen könnt oder die haxn – und dabei bin ich vielleicht sogar teilschuldig an deiner kramperl-manie.
    nächstes jahr plane ich die nach oö-tour gwiss so, dass ich diese unheiligen gsölln derwisch!

  16. Ana sagt:

    beeindruckt hat micht die tradition mit den gefüllten eiern. die essen wir nämlich auch à la mama aber zu silvester.

    wir machen die so: eier kochen. der länge nach halbieren die eigelbe rausnehmen. aus zwei eigelb (1x gekocht und 1x roh), senf und öl eine selbstgemachte mayonnaise rühren. für die füllung zwiebel und pilze würfelig anbraten, mit genug essiggurken (würfelig), leberaufstrich und einigen übriggebliebenen zwerquetschten eigelben vermischen. mit salz, pfeffer, dill abschmecken. in die leeren eierhälften füllen mit der mayonnaise bedecken und fürs auge einen streifen paprika aus einem glas paprikasalat garnieren. fertisch! wir essen die dinger immer mit brot, sonst läufts mir kalt den rücken runter…

  17. Su sagt:

    na toll, jetzt wünsch ich mir nix sehnlicher als gestern in wien gewesen zu sein und habe freunden, die dort unterwegs sind, deinen post nachgesendet. was, machen wir uns nichts vor, bisschen übertrieben ist für ein hefeteil :)

  18. Hedonistin sagt:

    Hab mir so ein verdrehtes Kramperl gegönnt. Den Hörndltest hats mit Bravour bestanden (saftig bis zur Spitze) und es hat die Chance zur Flucht nicht genützt. ;-)

  19. katha sagt:

    halb drei in der nacht ist eine gute zeit, um kommentare zu sinistren gestalten zu beantworten. nun denn:

    immer gegen die als gerade unumstößlich geltende, weltbeobachterin ;-)

    und, ti saluto ticino? was sagt der sohn? hat er einen ergattert?

    ich hatte gewissensbisse, lamiacucina, aber ich war dann doch zu faul, um am nikolotag nochmal frische zu holen. also mussten sie ins böse plastik, um nicht über nacht zu zwiebackkramperln zu werden.

    diese reihenfolge wäre sogar diskutierbar, sisko, obwohl ich die herren hier nicht gerade für ritterlich halte.

    punschhütten, entegut? welche punschhütten? da ich die gegenden, wo’s sowas angeblich gibt, großräumig umgehe, bleibt mir dieser zirkus sowieso erspart. widerlich, das picksüße, aromatisierte zeug und die ganzen bsuff rund um die standln.

    flucht kommt überhaupt nicht in frage, hedonistin! beim bauch sind wir uns letztendlich eh wieder einig.

    bei gragger in linz hättest eh auch welche bekommen, küchenschabe, die klassischen eingeschnittenen halt, nicht diese flechtkerle. das mit ansfelden ist eine schwierige geschichte. zum einen verstehe ich euer begehr, aber ihr hättet vorher anrufen können. zum anderen gab’s dort mal einen verkauf, offenbar ging das zu wenig (liegt ja auch ein bissl vom schuss) und deshalb haben’s das wieder eingestellt. natürlich, wenn ihr schon vor ort gewesen seid, wäre es schön gewesen, wenn man so flexibel gewesen wäre, euch trotzdem was zu verkaufen.

    duni und susanne, ihr hättet euch echt mit den haxn zufrieden gegeben? wo doch der bauchspeck…

    warst erfolgreich bei der jagd, gotti?

    gute idee, su! meine beiden lieblingsbrote sind das p-brot und das florianer chorherrenbrot. wenn sie ganze laibe nimmt (sind aber groß!), hält das brot problemlos tagelang. auch die klassischen baguettes sind super, aber die gehören entweder am tag des backens gegessen oder zumindest eingefroren. bin gespannt, wie dir die sachen schmecken! gebäck würde ich keines mitnehmen, das wird nicht besser, wenn es länger unterwegs ist und nicht am selben tag gegessen wird.

    die kramperlkinder kriegen das doch eh schon über die kramperlmuttermilch mit, queenofsoup, die sind mit allen holzofenfeuern gebrannt!

    ohja, ellja, aus irgendeinem vorarlberger tal, das einen (für mich) exotischen namen hat, den ich leider schon wieder vergessen habe. sehr gute butter! wenn du’s vor dem 23. dezember nach wien schaffst: das würde dir taugen dort.

    okay, hiwwelhubber, darüber lässt sich reden (und gegen die begründung kann man ja schlecht was sagen…), wir essen sie eh meist auch zu weihnachten. bitte ggf. nochmal erinnern, spätestens in der karwoche!

    ich sag’ nur kälteschlaf, liebe teeodora, schon vor deinem entsetzten kommentar…

    mir läuft’s bei deinem rezept kalt den rücken runter, ana ;-) weil unseres ganz anders (und viel einfacher) ist. aber so ist das mit den traditionen. liebgewonnene werden bis auf das letzte gramm verteidigt.

    oh nein, su, das ist die einzig angemessene reaktion! waren sie wenigstens erfolgreich? das will ich wissen!

    gefällt mir, hedonistin! du kannst jetzt leicht erzählen, dass du den nach deiner methode gegessen hast, aber woher wissen wir, ob du ihm zur sicherheit nicht doch vorher die haxn ausgerissen hast?

  20. mein eierrezept von der mama ist auch viel einfacher: mama sagt “die gekochten eier schälen und halbieren, butter mit salz, senf und pfeffer verrühren, die eidotter dazu (einfach nur mit gabel zerdrücken reicht), eventuell einen winzigen spritzer essig hinein und ein paar gehackte kapern – diese creme dann in die eihälften einfüllen, kühl stellen”. Wie ist deins?

  21. katha sagt:

    ganz ähnlich, küchenschabe! bloß noch zusätzlich sardellen, und zwar nicht zu wenige. ich liebe diese dinger, könnte mich dumm und deppert dran fressen. aber nur die nach dem rezept meiner mama, alle anderen mag ich nicht, sind mir immer zu fad oder die fülle zu cremig (durch die butter wird sie sehr fest). deine würden mir vermutlich auch schmecken.

  22. richensa sagt:

    Wunderbar!
    Die westfälische Variante dazu heisst “Stutenkerl”, was natürlich nichts mit weiblichen Pferden, sondern nur mit einem süßen Hefeteig zu tun hat.
    Den “Stutenkerl” gab es traditionell zuhause zum Nikolaustag, da ist der Vater morgens zum Bäcker und hat die Kerle frisch geholt. Den Bäcker gibt’s nicht mehr, er hat aus Altersgründen verkauft. Ich halte es da ähnlich: “Stutenkerle” muss frau kaufen, aber ich habe noch keinen Bäcker gefunden, der den Geschmack aus Kindertagen hinbekommt.
    Die Ess-/Verspeiseanleitung ist göttlich! :-)

  23. Ellja sagt:

    Leider, katha, wir sind ab 26. erst in wien, aber da gibts dann familienessen, also kein platz mehr für sonstige köstlichkeiten ;-)

  24. Marie sagt:

    Oh wie großartig. Bei uns heißen sie Stutenkerle, in Niedersachsen heißen sie Weckmänner. Hierzulande sind sie nicht so kunstvoll geschwungen, schmecken aber ebenso gut – am Liebsten mit Butter und Hiffenmark.

  25. Jutta sagt:

    Total abgedreht, die Typen :-)

TRACKBACKS
  1. Grittibänze – voll fett, ey!…

    Ich bin froh, dass der Samichlaus nicht hierher kommt. Nicht weil ich eine Rute bekommen würde, nein ich war brav, sondern was würde er wohl zu meinen voll fetten Grittibänze sagen? Schön sind andere. Meine fetten Grittibänze…..

  2. [...] jahr habe ich am karsamstag wie jedes jahr (siehe: strikt einzuhaltende kulinarische traditionen) pinzen gemacht, 2011 in maria alm, in der web- und sängermeisterelterlichen ferienhausküche. die [...]

  3. [...] zu meinen krampussen. schauen eher aus wie adipöse kraken, haha! auf jeden fall nicht ganz so wie die, die mich inspiriert hatte(n). wie sie schmecken? weiß ich noch nicht, hab’ sie gerade erst [...]

  4. […] immerwährende angewandte kramperlkunde enthält alle dafür nötigen sachdienlichen hinweise (und ist übrigens eine meiner liebsten […]



einen kommentar schreiben