sagen sie niemals würstel zu ihnen

[seiserschmarrn, der siebte, meine – möglicherweise streitbare – meinung in nicht allzu vielen worten]

als ich heute mittag mit großem hunger in das dings hineinbiss, sah ich zwei möglichkeiten: weinen oder einen seiserschmarrn schreiben. nicht, weil die fleischersatzprodukte der neuburger-macher so grauslich schmecken (das tun sie gar nicht, vor allem die konsistenz ist erstaunlich gut gelungen, da merkt man den technischen aufwand, den so ein produkt erfordert und den ein innovatives unternehmen, das einen großen markt in dieser entwicklung sieht, auch leisten kann), sondern weil sich diese gesamte produktrange wie alle convenience-produkte der kategorie so-tun-als-ob für mich von vorne bis hinten falsch anfühlt.

unter der marke „hermann fleischlos“ soll offenbar ein markt geschaffen und erschlossen werden: jene, die weniger fleisch essen wollen, aber eigentlich lieber fleisch essen würden (sonst müssten die produkte nicht so aussehen und nicht so schmecken). dafür wurden fleischersatzprodukte aus kräuterseitlingen entwickelt, bio-zertifiziert und im premium-segment positioniert. ich wollte genau deshalb wissen, wie das schmeckt, und habe bei „neuburger fleischlos“ um kostmuster gebeten.

was ich daran falsch finde?

  1. dass die produkte mit „ohne tierleid“ werben, obwohl tierische produkte enthalten sind (eiweiß in allen, käse in einem); wenn tierische produkte enthalten sind, finde ich das mit dem tierleid ein bisschen zynisch, weil tierhaltung nie idyllisch und frei von leid ist, auch nicht im bio-bereich, und schon gar nicht bei schwein, geflügel oder milchvieh – und das sage ich als nicht-veganerin und nicht-vegetarierin, der das thema seit vielen jahren ein anliegen ist; argumentiert wird der einsatz von ei mit der textur und dem angeblich nur so möglichen verzicht auf konservierungsstoffe u.a. zusatzstoffe.
  2. dass noch immer versucht wird, fleisch zu imitieren, denn das halte ich für den grundsätzlich falschen weg. ein würstel aus pilzen kann niemals so schmecken wie ein würstel aus fleisch. warum tut es dann so? weniger fleisch geht dauerhaft nur mit super schmeckenden anderen gerichten, denen es an nichts fehlt und die sich nicht wie eine strafe anfühlen (denn das echte würstel schmeckt halt doch besser, weil unsere geschmackserinnerung mächtig ist und die erinnerten emotionen nicht verhandelbar sind). warum ersatz? warum? warum haben wir solche grenzen im kopf und nicht die neugier und den willen, all die zig tausenden traditionellen oder neueren gemüse-, pilz- und getreidegerichte kennenzulernen und auszuprobieren? (das ist ja der grund, warum ich 1. die vegetarische länderküchen-buchreihe mit bis dato fünf bänden herausgebe, 2. das kochbuch „immer schon vegan“ über traditonell rein pflanzliche gerichte aus aller welt geschrieben und 3. den #tierfreitag erfunden habe.) warum setzen wir luxus und fortschritt mit plastikverpackter nahrung in unterschiedlichen geschmacksrichtungen gleich und nicht mit dem echten luxus, den wir genießen, nämlich frische, saubere lebensmittel in unglaublicher vielfalt und qualität, in ausreichender menge und für alle erschwinglich?
  3. dass mit der bio-zertifizierung eine art ablasshandel passiert: die p.t. kundschaft wiegt sich in sicherheit und moralisch überlegen – wer soll dagegen noch was haben? so wird weniger fleisch gegessen und die bio-landwirtschaft unterstützt. dem ist schwer zu widersprechen, ich tue es trotzdem, denn ich finde
  4. dass ein bio-convenience-produkt nicht besser ist als ein convenience-produkt, weil es sich in beiden fällen um hoch verarbeitete, geschmacksnivellierte und -standardisierte nahrung handelt und die rohstoffherkunft kein freibrief ist.
  5. dass convenience-produkte wie diese angeblich eine durch frisch kochen niemals erreichbare zeitersparnis bieten. abgesehen davon, dass ich gerne jederzeit bereit bin, den „aufwand“, den das zubereiten von essen erfordert und der auch gerne kurz und überschaubar sein darf, zu argumentieren, lässt sich gerade am beispiel der hauptzutat dieser fleischersatzprodukte ganz einfach der gegenbeweis führen: kräuterseitlinge selbst braten geht genauso schnell. putzen muss man sie nicht (sie wachsen nicht in erde, sondern auf substrat in geschlossenen räumen), pilze in scheiberln schneiden, öl in die pfanne, kräftig braun anbraten, salz und zitrone drauf.
  6. dass die produkte dreifach verpackt sind, ökologischer irrsinn: schicke kartonumverpackung, darin eine mit folie verschweißte plastiktasse, darin 6 einzeln (!) in plastik gehüllte würstel mit dem hinweis auf jedem (!) würstel, man möge diese hülle doch vor dem braten entfernen. eine mischung aus dystopie, science fiction und deprimierender trostlosigkeit. hoch verarbeitete high-tech-nahrung aus bio-zutaten zur selbstoptimierung und gewissensbereinigung.
  7. dass essen damit immer mehr zur lästigen notwendigkeit degradiert wird, absolvierbar so schnell wie möglich, aber stilvoll und mit gutem gewissen, weil ja ohne fleisch und eh bio, so what? dass dabei aber mit dem verlust von ess-kultur und koch-wissen ein wesentlicher faktor unseres lebens den bach hinuntergeht bzw. samt der vorgelagerten landwirtschaft (und damit: kulturlandschaft) der industrie überlassen wird, finde ich eine katastrophe. ich werde nicht müde zu behaupten, dass esskultur identitäts- und friedensstiftend ist. dass das gemeinsame zubereiten und essen mehr ist als kraftstoff tanken, nämlich genuss und sozialer kitt, freude und – aus unserer mitteleuropäischen perspektive – unfassbarer luxus und lebensqualität. all das bin ich nicht bereit aus der hand zu geben. ich möchte mich selbst gut ernähren können und daran freude haben und dieses wissen und die freude daran vermitteln. deshalb schreibe ich kochbücher (und deshalb poste ich auch unter #gutessenistsoeinfach, weil’s auch bei mir nicht immer endlos koch-zeit gibt, obwohl ich sie gerne hätte).

ps: statt vegetarischer convenience mit standardisiertem geschmack im bio-premium-mäntelchen hätte ich mir von neuburger einen premium-freiland-bio-sagen-sie-niemals-leberkäse-zu-ihm gewünscht. aber den habe ich ohnehin letzten samstag beim seebauern vom gleinkersee entdeckt. noch bis ostern auf dem biobauernmarkt auf der freyung.

kommentare

15 kommentare zu “sagen sie niemals würstel zu ihnen”

  1. Edith Glauß sagt:

    Liebe Katharina Seiser,
    vielen Dank für diesen klugen und engagierten Text. Sie scheiben mir aus dem Herzen. Ganz genauso sehe ich das ganze Verhalten unserer Gesellschaft in Bezug auf Kochen und Essen. Sie geben mir Hoffnung . :-) So.Und jetzt schau ich mir Ihre Kochbücher an. (Ich habe nämlich ein Catering ;-) )

    Alles Gute
    Edith Glauß

  2. Sigrid sagt:

    Liebe Frau Seiser,
    ich kann mich meiner Vorrednerin nur anschließen und diesen Seiserschmarrn unterschreiben.

  3. lieberlecker sagt:

    Liebe Katharina,
    danke, Du triffst den Nagel auf den Kopf!
    Liebe Grüsse aus Zürich,
    Andy

  4. elsie_ninoosh sagt:

    vollste zustimmung. in allen punkten. danke sehr.

  5. Thea sagt:

    Volle Zustimmung. Hier werden die Regale mit Ersatzprodukten immer voller und größer…

  6. ich teile deine Meinung. Danke für die schöne Ausformulierung meiner Gedanken und du hast es so richtig schön formuliert, wie man sowas als Gewissensberuhigung einsetzt. und man verzichtet ja soviel. Manchmal habe ich den Eindruck, die „richtige“ Ernährung ist für viele eine richtige Ersatzreligion geworden. Fast täglich habe ich diese Auswüchse vor mir.
    Zum Thema Tierleid: Die Tiere müssen artgerecht gehalten werden und ich denke, da gibt es große Fortschritte gegenüber von früher, was artgerecht ist. zB Platz. Was das Thema Ei betrifft, bin ich sehr froh um die Initiativen, wo die Hähne aufgezogen werden. Das vergessen viele, was mit den Junghähnen passiert. Ich hoffe, dass da ein Verbot kommt

  7. Ich find’s ja ganz generell etwas merkwürdig, wenn ein Fleischproduzent ein Fleischersatzprodukt produziert …
    Interessieren würd’s mich trotzdem, wie diese Nicht-Würstel schmecken!
    Liebe Grüße schick ich dir!

  8. Elena sagt:

    Danke, liebe Frau Seiser,
    für diesen Artikel. Ich bin zu hundert Prozent Ihrer Meinung; nur könnte ich es niemals so treffend formulieren ;-)
    Und nächste Woche kaufe ich mir ein weiteres Ihrer großartigen Kochbücher, von denen ich jedes immer wieder gerne zur Hand nehme und zumindest Anregungen daraus beziehe – wenn ich nicht ohnehin gleich etwas freudvoll nachkoche..

    Liebe Grüße
    E.

  9. Katharina Du sprichst bzw. schreibst mir aus der Seele. Nie, nie werde ich verstehen, warum angesichts der unzähligen Gerichte, die es ohne Fleisch gibt, gewaltsamer Ersatz künstlich hergestellt und gegessen wird.

    Gruß

    Margit

  10. Margot sagt:

    Vielen Dank, Katharina, für die vielen Worte, jedes davon spricht mir aus der Seele. Mir gehen die ständig wachsenden Regale im Biomarkt mit plastiverpacktem Zeugs so auf den Geist, genauso die Fleischersatzprodukte. Versteh nicht, wenn ich kein Fleisch esse, warum es dann wie Fleisch aussehen soll. Schmecken kanns eh nicht so. Wir können nur alle weiterhin zu „normalen“ Lebensmitteln greifen, vielleicht hat es dann Wirkung.

  11. Vielen Dank für diesen tollen und überaus interessanten Artikel! Ich bin ganz deiner Meihnung was diese dinge betrifft!
    Ich persönlich finde es ja unsinnig wenn man auf Fleisch verzichten möchte und dann auf „Fleischersatzprodukte“ zurück greift.

    Beste Grüße Fabian Aschauer

  12. Tina sagt:

    Ja, warum ich als möglichst gewaltfreie Esserin manchmal gerne sogenannte „Fleisch-Ersatzprodukte“ esse? Weil die Erinnerung an ein bestimmtes erinnertes Zeremoniell aus meiner Kindheit oder Jugend, das ich mit Schnitzel, Wurst, etc. verbinde, so schön ist! – So kurz, so einfach. Ich kenne Menschen, die essen 1x im Jahr Dosenravioli oder sonst wie ekliges Zeug, weil sie die damit verbundene Erinnerung geniessen. Was ist falsch dran? Wir haben, obwohl Vegi, doch auch erinnerte Gefühle, die wir ab und zu gerne wieder kurz herholen.
    Ansonsten klar: „Immer schon vegan“ ist *das* Konzept! Die Fermentierungswelle passt da auch super.

  13. Kurt Halbauer sagt:

    Hallo,

    es stimmt schon was Du schreibst. Aber bedenke: viele Kinder wachsen in Fleisch essenden Familien
    auf. Später als Erwachsener machen sie Schluss damit und werden Vegetarier. So wie ich, im Alter von 48 Jahren. Jedoch ist das Geschmackserlebnis sehr geprägt vom Fleisch-, Wurst- und Fischkonsum bis dahin. Da finde ich es gut, wenn es solche Produkte gibt, dann kann man hin und wieder eine gute vegetarische Käsebratwurst ohne Fleisch von Hermann fleischlos essen. Die sind richtig lecker.
    Beste Grüße
    Kurt Halbauer

TRACKBACKS
  1. […] Weil’s nicht wurst ist: „Als ich heute Mit­tag mit gro­ßem Hun­ger in das Dings hin­ein­biss, sah ich zwei Mög­lich­kei­ten: wei­nen oder einen Sei­ser­schmarrn schrei­ben.“ Katha­rina ent­schei­det sich für Letz­te­res, wobei man wis­sen muss: Ein „Sei­ser­schmarrn“ ist eine Art kuli­na­ri­sche Streit­schrift, und hin­ter dem „Dings“ ver­steckt sich ein fleisch­lo­ses Würst­chen. Doch von der­lei „vege­ta­ri­scher Con­ve­ni­ence mit stan­dar­di­sier­tem Geschmack im Bio-Premium-Mäntelchen“ hält Katha­rina nicht allzu viel, wie man wie­derum ihrem lesens­wer­ten Sei­ser­schmarrn ent­neh­men kann. Ess­kul­tur […]



einen kommentar schreiben