dörrbohnen(ge)dank(en)

ende oktober war ich für 20 stunden in zürich. es waren eigentlich zweieinhalb tage geplant, aber dem koch- und sängermeister, der mitkommen hätte sollen, ging’s nicht so gut – und da wollte ich nicht länger als nötig weg sein. carlo bernasconi, in dessen lokal cucina e libri am abend unsere kochbuchpräsentation von italien vegetarisch über die bühne gehen sollte, holte mich vom flughafen ab. ich wollte wie in alten zeiten (der kusm lebte ein jahr in zürich) in die alpenrose mittagessen gehen, aber um kurz vor 14 uhr ist dort der ofen längst aus, wie man mir am telefon etwas entrüstet über meine frage, ob ich denn noch was zu essen bekommen würde, beschied. dann eben schnell zu fuß ins tibits, auf ein paar vertraute, unkomplizierte happen. der dörrbohnensalat war einer davon. und nachdem ich mich auf den barhocker mit blick richtung nzz-headquarter gedreht und einen stich im rücken gespürt hatte, konzentrierte ich mich darauf. mir fielen roberts dörrbohnenrezepte auf lamiacucina ein – und stevan pauls lob dieser köstlichkeit gleich noch dazu. dass eine gedörrte bohne nach dem einweichen nicht einfach schmeckt wie eine frische ist logisch. trocknen verändert immer auch etwas am aroma, beileibe nicht unbedingt ein verlust. bohnen sind recht umamireich, und wenn in den hülsenfrüchten beim trocknen etwas ähnliches wie bei shiitakepilzen passieren sollte, dann ist es kein wunder, dass mich der dörrbohnensalat, mein (wahrscheinlich, ich kann mich nicht erinnern, ob ich damals in zürich schon mal einen gegessen hatte, ob tibits oder hiltl ihn überhaupt angeboten hatten) erster, so angefixt hatte, dass ich mit dem vorsatz, zürich auf jeden fall mit einem päckchen dörrbohnen am nächsten morgen zu verlassen, ein wenig wehmütig, weil ohne den mann, mit dem ich hier so oft gewesen war, wieder hinaus in die sonne ging.

einmal quer über die straße vom tibits neben der oper ist eine migros-filiale, dort machte ich mich humpelnd, wie ich erstaunt feststellte, auf die suche nach den dörrbohnen. ich fand sogar zwei verschiedene, aber herkunft china? da bräuchte ich weder robert noch stevan dazu, um die packerln wieder ins regal zurückzustellen. mein nächster stop führte mich ins viadukt, zu berg und tal. und was stand dort am eingang in einem korb? die von robert gelobten, von slow food ausgezeichneten schweizer dörrbohnen. ich depp war so irritiert von der unverkennbar höchst ansteckenden, weil ständig niesenden, hustenden und schnupfenden verkäuferin (mit einem sänger zuhause wird man da leider ein bisserl paranoid), dass ich mir noch einen plan zurechtlegte: dörrbohnen jetzt nicht nehmen, sonst sagt mir die verkäuferin, ich solle sie ruhig bei ihr bei der kassa deponieren, während ich weiter durchs geschäft schlenderte, und dort wären die dörrbohnen dann mit zillionen viren verseucht worden. insgeheim klopfte ich mir für meinen plan, das packerl dörrbohnen zum schluss zu nehmen, stolz auf die schulter. natürlich habe ich drauf vergessen, was damit zusammenhängen könnte, dass es mich wieder im rücken stach, als hätte mir jemand ein langes, flexibles schinkenmesser irgendwo in die lendenwirbelsäule eingeführt und dort ein wenig herumgestierlt.

als ich das fehlen der dörrbohnen bemerkte, war ich wieder im hotel, eh schon zu spät dran, und nahm mir vor, claudio del principe, der mit carlo im cucina e libri längst bei der mise en place für sein abendmenü war, um die dörrbohnen zu bitten. ich erzählte den beiden herren dann wenig empathisch von meiner dörrbohnengeschichte und carlo überlegte noch, wo er um die zeit (freitag abend, flug samstag früh) welche herkriegen würde, aber irgendwann kratzte ich dann die kurve zu den wirklich wichtigen dingen des kurztrips in die schweiz: italien vegetarisch. es war ein köstlicher, fröhlicher abend, ich saß stocksteif auf meinem sessel und versuchte, mir nichts vom schinkenmesser in meinem rücken anmerken zu lassen.

zehn tage später rief mich claudio an und fragte mich, ob er mir noch was aus der schweiz mitbringen solle. am kommenden wochenende würde er zur buch wien anreisen, wo wir ein „ländermatch“ mit allen drei köchen der vegetarisch-reihe veranstalten würden. ich nannte ihm die dörrbohnen. claudio kam dann am freitag zur vorbereitung zu mir (ich stellte meine küche für claudio und stevan zur verfügung und kümmerte mich um den einkauf für ihre auf der buch wien gekochten gerichte) und überreichte mir mit – für meinen geschmack etwas zu – großer geste ein sackerl dörrbohnen (und echten, kostbaren, köstlichen balsamico tradizionale – als dankeschön für meine vor-arbeit und das küche benützen dürfen – noch dazu). ich freute mich über den echten stoff (natürlich genau das gleiche sackerl, das ich bei berg und tal schon in der hand hatte) und war ein wenig fahrig wegen der noch zu treffenden vorbereitungen für die buch wien.

claudio bestand darauf, mir die geschichte dieses packerls dörrbohnen im detail zu berichten. er erzählte seiner frau von meinem wunsch. sie erklärte sich sofort bereit, am nächsten tag ein sackerl zu besorgen. doch, so claudio, als sie an der kassa anstand und die dörrbohnen betrachtete, entdeckte sie „herkunft: china“ und ihr fiel ein, dass die bohnen ja für katharina, die strenge, seien, und das würde wohl überhaupt nicht gehen. ich kenne claudios frau leider noch immer nicht, aber mich hat diese empathie sehr berührt. danke, liebe m.! dörrbohnen ins regal zurück, zuhause claudio von der erfolgreichen und dann doch erfolglosen jagd erzählt. der, ganz ehrenmann, gab natürlich nicht sofort auf. am abend hatte er eine buchpräsentation in basel, bei der auch robert von lamiacucina anwesend war. claudio klagte robert sein leid, dass er mir meinen einzigen mitbringwunsch nicht erfüllen könne, worauf robert nur meinte: kein problem, er würde claudio am nächsten tag ein packerl vom echten schweizer dörrbohnenstoff für mich vorbeibringen. wie’s der zufall will, leben meine zwei von anfang gelesenen schweizer lieblingsblogger nämlich in der derselben stadt. das packerl dörrbohnen, das mir claudio also mit gar nicht groß genuger geste hier in wien überreichte, fand seinen weg über robert, bei dem ich überhaupt erst von den dörrbohnen erfahren hatte, zu mir. danke, ihr zwei lieben brüder im geiste!

die sache mit dem schinkenmesser im kreuz hatte ein nachspiel: es stellte sich als schwerer bandscheibenvorfall heraus, mit dem ich in zürich war, zwei buchpräsentationen in wien und einen anstrengenden, weil von mir moderierten abend in münchen durchlitt. als ich in wien mit dem zug ankam, stellte mir ein taxifahrer mein bein ins auto, weil es mir selbst nicht gelang. ich bin in sehr guten händen, und es wird langsam besser. was „alter“ heißt, weiß ich seit dem mrt-bild meiner wirbelsäule, bis zu dem moment hatte dieses wort für mich keinen persönlichen bezug. der preis für drei kochbücher in diesem jahr war zu hoch. ich habe, das weiß ich jetzt auch, zu viel gearbeitet, zu wenig für mich getan, immer mit der begründung, dass ich ja das große glück habe, beruflich das tun zu können, was ich am liebsten habe. wie wenn das eine gültige entschuldigung für monatelange arbeitswochen mit weit über 80, 90 stunden und ohne einen einzigen freien tag wäre. ich freue mich trotzdem sehr auf immer schon vegan, bin aufgeregt, wenn ich es endlich in händen halten darf. ich bin neugierig, wie es ankommen und angenommen wird, wer welche rezepte als erstes ausprobieren wird, ob meine botschaft ankommt – es steckt so viel in und zwischen den zeilen, was mir wichtig ist.

meine prioritäten haben sich in den letzten wochen aber deutlich verschoben. natürlich ist gutes essen das wichtigste auf der welt (was habt denn ihr geglaubt?), aber was wirklich zählt, ist das gesund und frei von schmerzen und angst sein können. von einem selbst, von den liebsten menschen um einen herum. in diesem sinne seid auch ihr, die ihr seit vielen jahren, seit anfang an oder auch nur sporadisch (öfter gibt’s eh nix neues) esskultur lest und mögt und teilt, bedankt. ab heute werden die tage wieder länger. ich werde mit meinem liebsten hatschend durch die wohnung ziehen und mastix räuchern, auf dass sich die helle frische breit mache, dankbar dafür, dass meine nase keinen riechzellenvorfall hat und mit genügend hingabe, ernsthaftigkeit und freude alles immer wieder gut wird.

kommentare

16 kommentare zu “dörrbohnen(ge)dank(en)”

  1. Anja sagt:

    Gute Besserung dem Rücken, geruhsame Feiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

    Und vielen Dank für die immer schnellen und sehr hilfreichen Infos auf hin und wieder auftauchende Spezialfragen! :)

  2. Eumelchen sagt:

    Liebe Frau “ Bandscheibe“
    kannst du mir das mit dem „riechzellenvorfall“ !!!!!! näher erklären?
    Alles gute für deine verrutschten Bandscheiben wünscht dir
    Eumelchen!

  3. Micha sagt:

    Ja, du Wirbelwind, nun sagt der Körper wohl *langsamer*. Aber ich freue mich wirklich auch sehr auf *Immer schon vegan* (allein der tolle Titel). Wir sind reich beschenkt worden von dir dieses Jahr mit viel Input – du darfst, kannst und mußt dich also ruhig zurücklehnen. Und ich wünsche dir von Herzen, dass du das so bald wie möglich wieder völlig schmerzfrei kannst! Für das kommende Jahr Friede, Mut, Frohsinn und Geborgenheit, liebe Katha!
    Und die Dörrbohnenwandergeschichte find* ich zu gut – Seilschaften at its best!

  4. lamiacucina sagt:

    das „überdenbildschirmgekrümmtsitzen“ rächt sich früher oder später. Mit gezieltem Rückentraining kriegt man die eigene Muskulatur wieder soweit hin, dass sie ihrer Stützfunktion wieder gerecht wird. Ich wünsch Dir gute Besserung. Das vegane Buch noch, dann hast Du eine Pause verdient.

  5. Au weh, du Arme! Es klingt auf jeden Fall schon mal erfreulich, dass du schreibst, du bist medizinisch in guten Händen – und beim WUSM bist du in anderen Lebenslagen sicher in besten Händen. Das sind schon mal gute Voraussetzungen, dass es dir bald wieder besser geht.
    Ich wünsche dir baldige Besserung und hoffe, du bringst die Disziplin zum Nichtstun auf. Das klingt jetzt vielleicht verwegen, aber ich weiß, wenn man gewohnt ist, immer 100 % zu geben, dass das Zurückschalten oft mehr Anstrengung braucht als weiter auf der Erfolgswelle dahinzureiten.

  6. irmi egger sagt:

    Alles Gute!

  7. oje du Arme! Ja Dörtbohnen kauft Frau nicht in der Migros, auch wenn unsere Discounter nicht die schlechtesten sind. Der Chef von Berg und Tal hat bei meinem
    Besuch bei Carlo und iveg dem Claudio ausgeholfen. So klein die Welt :-) Gute Besserung und geruhsame Festtage wünsche ich dir!
    Liebs Grüessli
    Irene

  8. hiwwelhubber sagt:

    liebe katha,
    gute besserung!!! sei tapfer und fleissig mit dem auf-sich-acht-geben, dann schaffst du das genauso gut, wie deine 3 bücher heuer auch – zu denen ich noch mal gratuliere und chapeau ziehe!

    frohe feiertage und gutes neues
    vom hh.

  9. Sonja sagt:

    liebe katha, ich wünsch dir gute besserung! schreib auch hier bitte nicht zu viel, obwohl ich deine beiträge vermissen werde/würde, ich lese fast nur deinen blog, den aber gerne und regelmäßig. aber gesundheit ist ohne zweifel viel wichtiger.
    also entspannte tage und ein gutes neues jahr!

  10. zimtsternchen sagt:

    Liebe Katha!
    Hab ich mir doch gedacht, dass da nicht „nur“ die Arbeit dahinter steckt, dass ich länger nichts auf dem Blog lesen konte- da ich den aber noch nicht sooo lange kenne, hab ich einfach frühere Einträge mit großem Vergnügen gelesen!!
    Danke für alles, was du so leistest, ich mag deine Bücher,deine Kommentare, ich mag deinen Zugang zum Essen und den Dingen des Lebens im Allgemeinen!
    Also schau auf dich!!! Gute Besserung, Sonjas Wünschen für entspannten Tage im nächsten Jahr schließe ich mich an

  11. mischa reska sagt:

    Eine Prinzessin von der Dörrbohne zu sein ist keine leichte Sache. Das muß man sich erst einmal erarbeiten. Viele werden so viel Einsatz und Sensibilität für den Geschmack einer Bohne nicht nachvollziehen können. Wenn dann noch das Herz gern an zwei Orten gleichzeitig wäre reißts das Kreuz schon mal auseinander. Das ist leider genau die Belastung die unsere Säule nicht leiden kann.
    Wünsche Dir viel Geduld bei der Heilung!
    Zum Glück schmeckt einem das Essen ja bei der Erkrankung trotzdem genau so gut.

  12. ulla sagt:

    ahh, warum schreibst du nicht gleich dörrfisolen? ;-)
    ich konnte mir nicht erklären, was an getrockneten bohnen so besonders sein soll – wikipedia hat mich aufgeklärt. (hoffentlich schmecken sie besser als sie ausschauen).
    gute besserung!
    ulla

  13. oachkatz sagt:

    Gute Besserung und Danke für die ganze Arbeit, von der ich und die anderen von Deiner Kochkunst Begeisterten u.a. in Form großartiger Kochbücher so sehr profitieren dürfen.
    Rücken hat immer was von zu viel und zu wenig Entspannung und ich wünsche von Herzen, dass die im kommenden Jahr wieder ausreichend zu ihrem Recht kommt. Deine Leser*innen haben ja erst mal genug zu tun mit dem Nachkochen all der spannenden Rezepte – Italien Vegetarisch lag unter dem Weihnachtsbaum :)

  14. Friederike sagt:

    ja, es ist ein Kreuz mit dem Kreuz…
    und bitte kein weiteres großes Kochbuch im neuen Jahr (das vegane hab ich schon vorbestellt und freue mich), denk an deine Gesundheit und an uns, die wir ja sonst mit dem Nachkochen gar nicht nachkommen ;-))
    gute Besserung,

  15. anette sagt:

    gute besserung….
    aus eigener erfahrung auf diesem gebiet : humor hilft….

    https://www.youtube.com/watch?v=duyhqn-blUU

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