zum aufregen: nutrigenomik

als ob die hitze nicht schon für ausreichend durchblutung sorgen würde, muss mir auch noch dieser artikel über ernährung nach mass unterkommen.

beim thema nutrigenomik geht es darum, dem genprofil einzelner menschen entsprechende nahrungsmittel mit „gesundheitsfördernden“ zusätzen zu designen, um sie (die menschen) damit vor krankheiten zu schützen.

die argumentation für eine „personalisierte ernährung“ ist eigenartig:

„Für jeden das richtige Essen lautet die Vision. Mit funktionellen Lebensmitteln könnte sie Realität werden. Das sind Lebensmittel, die über die Nährwertlieferung hinaus Körperfunktionen positiv beeinflussen. Den probiotischen Joghurt und die Cholesterinspiegel senkende Margarine finden wir längst im Kühlregal. Allerdings richten sich solche Produkte bisher an die Allgemeinheit.“

kann es sein, dass hier leute in labors und hinter computern sitzen, die völlig den bezug zum essen verloren – oder noch nie gehabt – haben? die noch nie auf einem bauernhof waren, noch nie eine frische karotte aus der erde gezogen und gegessen haben, einen klarapfel vom baum gepflückt, eine frische blunzn nach dem schlachten genossen, einen kuchen gebacken oder auch nur einen simplen salat mariniert haben? das „richtige essen“ für jede/n muss doch um himmels willen nicht einem labor gemacht werden! es wächst auf bauernhöfen und braucht nur dem eigenen geschmack und wohlbefinden entsprechend eingekauft und zubereitet werden. und wer ausser den herstellern ist der meinung, dass probiotischer joghurt und den cholesterinspiegel senkende margarine „richtiges essen“ sind?

„Mit funktionellen Lebensmitteln könnte sie Realität werden. das sind lebensmittel, die über die nährwertlieferung hinaus körperfunktionen positiv beeinflussen.“ – entschuldigung bitte, aber jedes (traditionelle, handwerklich hergestellte) lebensmittel ist ein funktionelles lebensmittel! das wissen darüber ist in westlichen und östlichen kulturen seit jahrtausenden bekannt.

functional food stösst zum glück noch auf ordentliches misstrauen. wenn es aber nun mit medizinischem background verstärkt in den supermärkten und den medien auftauchen sollte, dann werden – so fürchte ich – tatsächlich viele menschen glauben, dass das die „bessere“ ernährung für sie sein könnte, weil sie angst vor krankheiten haben und glauben, sich so schützen zu können. dabei haben wir noch kaum eine ahnung, warum lebensmittel so wirken, wie sie wirken, kennen noch längst nicht alle inhaltsstoffe einzelner obst- oder gemüsesorten und wie sie sich gegenseitig beeinflussen, aber hauptsache wir bauen aus irgendwelchen isolierten wirkstoffen irgendwas nach und verkaufen es als gesund.

ich bin nicht sicher, was mich mehr ärgert: dass die nahrungsmittelindustrie gemeinsam mit dem lebensmittelhandel (im schulterschluss mit der medizin, den medien und der ernährungswissenschaft) dreist genug ist, so einen weg wirklich gehen zu wollen oder dass die menschen sich keinen deut darum scheren, was ihnen wirklich gut tun könnte, woher lebensmittel kommen und wie sie entstehen.

mir ist schon klar, dass man mit naturbelassenen lebensmitteln sehr viel weniger gewinn als mit hochverarbeiteter industrieware machen kann und dass es zeit braucht, selbst zu kochen. aber solange es immer schwieriger wird, gutes brot, aromatischen käse oder auch nur knackig-säuerliche äpfel oder pfirsiche mit geschmack zu finden, solange werde ich keine ruhe geben und meinen unmut äussern, wenn sinnlose nahrungsmittel im windschatten des fortschritts verkauft werden sollen.

oder irre ich und würdest du, würden sie tatsächlich eine genanalyse machen lassen und daraufhin massgeschneiderte nahrungsmittel mit „gesundheitsfördernden“ zusätzen kaufen und essen wollen?

kommentare

10 kommentare zu “zum aufregen: nutrigenomik”

  1. Hedonistin sagt:

    Sieh’s positiv: das maßgefertigte Joghurt ist eine akzeptablere und harmlosere Konsequenz aus der Suche nach Anwendungen fürs gewinnbringende Spielzeug Massengenomanalyse als es z.B. prophylaktische Brustamputationen sind.

  2. Eline sagt:

    @hedonistin
    Autsch! Zynisch, aber treffend.

    @nutrigenomic
    Na ja, die einen glauben, dass einem Biofeedback die individuell richtige Ernährung erschliesst, die anderen glauben ihrem Heilpraktiker, dass industrielle Sojaprodukte gesund sind. Dass bei einer derart unsicheren Einstellung der Menschen zu ihrer Ernährung und Gesundheit das Geschäft mit dieser Unsicherheit blüht, ist klar. Aufregen nützt da nix, ist aber verständlich. Man kann nur gegen den Strom schwimmen und anders konsumieren und darüber schreiben und erzählen.
    widersprechen muss ich hier, Zitat: „aber jedes (traditionelle, handwerklich hergestellte) lebensmittel ist ein funktionelles lebensmittel!“ Na ja, nicht alles, was traditionell, handwerklich hergestellt wurde ist per se funktionell. Auch traditionelle, handwerkliche Herstellungsmethoden haben manchmal gesundheitlich negative Seiten (z. B. Pökeln und Räuchern von Fleisch oder „adel“-gedüngte Feldfrüchte)

  3. katha sagt:

    ich bin ja auch mal ganz gerne zynisch, hedonistin, aber bei zwei möglichkeiten muss nicht automatisch eine akzeptabler oder harmloser sein, oder? zum glück dürfen wir noch selbst entscheiden, ob wir dieses „spielzeug“ verwenden möchten oder nicht. (obwohl sich das viele menschen nicht mehr zutrauen.)

    eben, eline, mit dem „glauben“ fängt’s schon an (nicht nur bei der ernährung). heilsversprechen glauben (und herstellern passender produkte geld zu) schenken machen sich offenbar besser als den arsch hochzukriegen und z. b. ein paar längen zu schwimmen, sich um bessere grundnahrungsmittel zu kümmern oder einfach weniger (mist) zu essen.
    ich widerspreche zurück, funktionell in bezug auf das o. g. zitat soll ja meinen „über die nährwertlieferung hinaus körperfunktionen positiv beeinflussen“. ein stückl räucherspeck kann unheimlich glücklich machen, wenn’s zur rechten zeit am rechten ort verspeist wird – darüber sind wir uns bestimmt einig. unter traditionell/handwerklich hergestellt meine ich immer in dem sinne, dass auf die gesamten produktionskreisläufe rücksicht genommen wird. ein über“adelter“ acker wird zwar vielleicht grosse und schöne feldfrüchte hervorbringen, aber nicht unbedingt die aromatischsten, weil die sich selbst dafür anstrengen müssten, um den geschmack auszubilden. deshalb verstehe ich darunter auch keine traditionellen, handwerklich hergestellten lebensmittel. da ich das wort „nachhaltig“ aber ohnehin oft genug verwende, wollte ich mal ohne auskommen – dem besseren verständnis wegen sollte ich es wohl besser immer dazuschreiben, wenn ich es auch meine. und was die gesundheitlich negativen seiten einzelner lebensmittel betrifft: von räucherfleisch alleine wird man garantiert nicht krank. ich verwehre mich gegen diese geschichten, welche lebensmittel warum ungesund sein sollen. das hängt erstens davon ab, wonach gerade gesucht wird, wer die grenzwerte dafür festlegt und welche folgen auf welche art überhaupt festgestellt wurden. und zweitens dürfte dann aus prophylaxe niemand mehr im winter salat essen (auch nicht im restaurant), stichwort nitrat, oder ein gegrilltes steak, stichwort benzopyren, oder knuspriges brot, stichwort acrylamid, oder mangold, stichwort oxalsäure, oder reichlich estragon, kerbel oder basilikum, stichwort estragol, oder, oder oder.

  4. Eline sagt:

    “ ein stückl räucherspeck kann unheimlich glücklich machen, wenn’s zur rechten zeit am rechten ort verspeist wird – darüber sind wir uns bestimmt einig. “
    Sind wir!
    Ich verstehe deine Argumentation mit „nachhaltig“ besser, auch wenn mir der Übergebrauch dieses Wortes auch schon auf die Nerven geht. Ich verwende jetzt auch gaaanz vorsichtig das Wort „instinktiv“. Wer auf seinen Körper und seine Sinne hört, der isst automatisch das Richtige zur richtigen Zeit. Grüner Salat (Häupel) im Winter ist sicher nicht gesund (Nitrat) und macht auch bei 20 grad Minus nicht glücklich ;-) – ausser man sieht seinen Lebenszweck im Bewahren von Kleidergrösse 34.
    Damit will ich keinesfalls diese fundamentalistische Idee, man soll nur das essen, was zur Jahreszeit in nächster Umgebung wächst, befürworten, die Steinzeit ist vorbei und eine gewisse Globalisierung der Lebensmittel gehört zum Lebensstandard. Wenn man unverfälschte Lebensmittel kennt, weiss man, was gut schmeckt und kommt gar nicht auf die Idee industrielles Zeug zu essen.

  5. Hedonistin sagt:

    @Katha – Ich halte es erstens für einfacher, einzelnen Anpreisungen der Foodindustrie zu widerstehen (die ja so vielfältig sind, dass mensch eh nie alles probieren kann) als dem ernsten Gesicht des Arztes, der auf dein hundertfach erhöhtes Brustkrebsrisiko hinweist: Der Arzt steht in der Wertigkeit für die meisten Menschen höher als der Ernährungsberater.
    Und zweitens ist eine Ernährung mit speziellem Herzkreislaufmüsli am Morgen und Prostatakartoffelbrei am Abend harmloser als die chirurgische Körperverletzung: Du kannst jederzeit aufhören, deine Spezialdiät zu essen, aber was weg ist, ist weg.
    Drittens und vor allem aber wird in dem von dir verlinkten Artikel eh darauf hingewiesen, dass die persönliche Diät nicht zwangsläufig aus functional food bestehen muss. Das kann genauso – auch wenns der Industrie weniger reizvoll erscheinen mag – eine speziell auf deine gesundheitlichen Risikofaktoren abgestimmte Erährung mit „natürlichen“ Lebensmitteln sein.

  6. katha sagt:

    gegen letzteres ist ja auch gar nix einzuwenden, hedonistin, aber warum es nicht gemacht wird, beantwortest du eh schon selbst: da klingeln keine kassen.

  7. duni sagt:

    Liebe k, das ist ein Thema, das mich auch sehr beschäftigt. Ich möchte von der medizinischen Seite ausgehen, da ja derartige Argumentationen immer stark auf die Steigerung der Gesundheit abziehen. Wir haben das große Glück, und das meine ich ohne jede Ironie, über Spitzenmedizin zu verfügen: Das Lebensalter eines durchschnittlichen Mitteleuropäers ist hoch und die Chance, dies relativ störungsfrei zu ereichen, auch. Allerdings vernachlässigt unsere evidenzbasierte Behandlungstechnik das ganze Drumherum mit Befindlichkeit, persönlicher Verfassung und individueller Konstitution ,blendet den Patienten als Persönlichkeit aus. Manche finden das toll (wie ich), anderen fehlt etwas-die Beziehung zwischen Heiler und Heilenden, die Belohnung für richtiges Verhalten und Einstellung. Da greifen derartige Ernährungsheilslehren: Sie versprechen- mehr noch als das Horoskop, das nur 12 Wahlmöglichkeiten kennt- individuellste Gesundheitsförderung, schränken die als bedrohlich empfundene Wahlfreiheit in der Frage “ Was ess ich heut? ( leider ist alles im Überfluß da!)“ ein, bereiten somit Entbehrung und kosten Geld, sind also auch moralisch legitimiert -für viele Zeitgenossen gibts nichts Schöneres!
    Was mich an derartigen Konzepten stört:
    -ich bin Naturwissenschaftlerin, wo pseudobiologistisch argumentiert wird, rollen sich meine Fußnägel!
    -das, was wir heute essen und welche Eigenschaften wir unserer Ernährung zuschreiben, ist Teil unserer Kultur, mit jagenden Neandertalern und Genen hat dies wenig zu tun. Vom Genom her sind „wir“ hundertprozentig ident mit zB den Römern, deren Küche mit vergammelten Fischextrakt, literweise Panschwein, Schafsuterus und in Honig gebratenen Hamsterl uns höchst ekelhaft vorkommt.
    -der Glaube, unsere Nahrung wäre zuwenig wertig und müsste ergänzt werden, ist alt. Selbst größte Genies wie Linus Pauling glaubten an Ascorbinsäure in absurden Dosen. Daher wird gern ergänzt und mit Vitaminen, Mineralstoffen, probiotischen Trallala angereichert, ungeachtet der Tatsache, dass Vitaminmangelerkrankungen seit Jahrzehnten in der wohlhabenden Ersten Welt komplett ausgestorben sind.
    -gleichzeitig ernähren sich immer mehr Menschen immer schlechter, kauen vorgefertigten Schund auf dem Weg in die Arbeit, ziehen sich vor der Glotze ne TK-Pizza rein, anstatt Speisen selbst zu kochen und mit den Menschen, die sie lieben, eine Stunde am Tisch zu sitzen, um zu essen, zu trinken, sich auszutauschen. Ich halte das nicht nur für gesundheitlich bedenklich, sondern auch in sozialer und kultureller Hinsicht für gefährlich.
    Ich denke, bei meinen Ausführungen wird eines klar- ich halte wenig vom einseitigen Fokus auf das Thema Gesundheit, ich möchte bei der Auseinandersetzung um Ernährung auch immer kulturelle und soziale Aspekte mitberücksichtig sehen.

  8. Eline sagt:

    duni,
    deinen Worten möchte ich mich voll anchliessen, auch wenn das ein bisschen fad ist und die Diskussion lähmt ;-)

  9. Gerry sagt:

    Bei Themen wie „Nutrigenomik“ muss ich meinen Würgereiz in Zaum halten. Wie kann man mit Lebensmitteln nur so umgehen? Ich bin der Meinung: „Zu wenig und zu viel ist dem Narren sein Ziel“. Wir haben alles (und zu viel davon) um uns ausgewogen ernähren zu können. Das Wichtigste wäre wieder mehr Ausgleich und Bewußtsein in unseren Ernährungsgewohnheiten und nicht die Produktion weiß Gott wie veränderter Lebensmittel.

    Ich glaube, dass ich keine Genanalyse benötige, um zu bemerken, was meinem Körper gut tut und was nicht. Und wenn ich Sündige (Stichwort „Stückerl Speck“ oder ordentliches Schweineschnitzel) dann tue ich das mit vollem Genuß. Und am nächsten Tag bereitet mir der frische Salat aus dem Garten den selben Genuß und meinem Körper den notwendigen Ausgleich :-)

  10. katha sagt:

    ich finde die ausblendung der persönlichkeit nie gut, duni, aber den meisten deiner aspekte kann ich mich natürlich anschliessen. mir ist es noch nie vordergründig und einseitig um gesundes essen gegangen, das kann jede/r nachvollziehen, die/der esskultur.at liest, sondern selbstverständlich auch um kultur und beziehungen, vor allem aber um geschmack, sinnliche erfahrungen, herkunft, kreisläufe, entstehung und ganz allgemein den sinn von essen (darüber liesse sich ein eigenes blog eröffnen).

    nein, eline, tut’s gar nicht. wir sind bloss alle einer meinung, wie’s scheint ;-)

    und deshalb gefällt mir auch, wie gerry das thema ganz unwissenschaftlich in zwei absätzen zusammenfasst. danke.

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